Q&A zu Der Super-GAU von Tschernobyl und die deutsche Atomangst
Shownotes
In unserer Q&A-Folge diskutieren wir Ihre Rückmeldungen zur deutschen Reaktion auf die Reaktorunfälle in Tschernobyl und Fukushima, zum Ursprung der „German Angst“ und zur Sicherheit der Kernenergie.
Zu unserer letzten Folge vom Geschichtspodcast von Frankfurter Allgemeiner Zeitung und Konrad-Adenauer-Stiftung haben uns zahlreiche Rückmeldungen erreicht: persönliche Erinnerungen an den April 1986 ebenso wie fundierte Fragen zu aktuellen Entwicklungen in der Energiepolitik. In dieser Q&A‑Folge gehen wir diesen Impulsen nach: von den historischen Ursachen der deutschen Atomangst bis zu den aktuellen Debatten und Perspektiven der europäischen Energiepolitik.
Gast Christian Hübner, Leiter der Abteilung Globale Ressourcen und Nachhaltigkeit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung
Hosts Angelika Fey (Frankfurter Allgemeine Zeitung) Christine Brunzel (Konrad-Adenauer-Stiftung)
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Transkript anzeigen
00:00:00:
00:00:06: Herzlich Willkommen zu unserer Q&A-Folge zu Chernobyl und der deutschen Atomangst vom Geschichtspodcast.
00:00:11: Mein Name ist Christine Brunzel
00:00:13: Und ich bin Angelika Feih.
00:00:14: Vielen Dank für Ihre sehr, sehr zahlreichen Mails und Kommentare bei YouTube und Spotify.
00:00:19: In der letzten Q& A-Fолge zur Ölpreiskrise konnten Michael und Duja sagen das war die meist gehörte Folge.
00:00:26: Jetzt können wir sagen abgesehen von der ersten Folge war die Chernobilfolge vermutlich die mit den meisten Rückmeldungen.
00:00:32: Ja, es ist ja zum Glück kein Wettkampf.
00:00:35: Aber die Rückmeldung lassen sich grob in zwei Gruppen einordnen.
00:00:38: Die eine Gruppe bezieht sich auf die Beziehungen von Angst und Kernkraft und die zweite hat technische Anmerkungen und Fragen zum Thema.
00:00:45: Es ist eigentlich unschipisch für den Geschichts-Podcast dass wir uns hier mit Technik und Ingenieurswissenschaft beschäftigen aber das gehört natürlich zum Thema Kernenergie dazu.
00:00:55: Wir hatten in unserer Folge ja auch die Nachdenkerei von Christian Hübner, dem Leiter der Abteilung Globalressourcen und Nachhaltigkeit bei der Konrad-Adenau-Stiftung.
00:01:04: Also von deinem Kollegen, der bei dir in Berlin ein paar Büros weiter sitzt.
00:01:08: Er hatte sich in seiner Nachdenkrei Gedanken gemacht was für eine Zukunft Kernkraft in Deutschland haben könnte und er hat uns jetzt auch bei den Kommentaren weitergeholfen, die sich auf den Technikaspekt beziehen.
00:01:20: Ja zunächst gab es einige Rückmeldungen zum Thema Endlagerung Zum Beispiel der folgende Kommentar von Phönix zero eins und sechs bei YouTube.
00:01:28: Er schreibt, solange der Atommüll bei Kernkraftwerken entsteht und eine spätere schädliche Auswirkung nicht ausgeschlossen werden kann bin ich gegen Atomkraft und für erneuerbare Energiegewinnungen.
00:01:39: Auch Peter Laubenheimer hat uns zu dem Aspekt in seiner Mail geschrieben.
00:01:43: Er findet den Ausstieg aus der Atomkraft falsch, lehnt aber einen Wiedereinstieg ab – Stichwort Atommüll, Herkunft der Brennstäbe, Uranabhängigkeiten etc.
00:01:52: Ein Neubau von AKWs sei höchstens denkbar wenn ein funktionierendes Endlager existiere.
00:01:58: Also haben wir Herrn Hübner gefragt ist ein Wiedeinstieg in die Kernenergie realistisch?
00:02:02: Wenn Entlagerungen kosten und neue Abhängigkeiten weiterhin ungeklärt sind?
00:02:07: Ein Wiederentstieg in die alte Technik scheint mehr unter den heutigen Bedingungen nicht realistisch.
00:02:11: Aus Rückbauprojekten müssten Ausbauproyekte werden mit erheblichen technischen Herausforderungen, die überwunden werden müssten.
00:02:17: Ganz zu schweigen von den gigantischen Summen und Staatsgarantien, die dafür notwendig wären.
00:02:22: Ich glaube man muss ja einfach akzeptieren dass der Zug abgefahren ist.
00:02:26: Das mag bedauerlich sein aber es so
00:02:29: Ja, das war eine deutliche Einschätzung.
00:02:31: Ein Wiedereinstieg in die klassische Kernenergie ist unter heutigen Bedingungen also kaum realistisch nicht nur aus technischen Gründen sondern auch wegen der enormen Kosten und politischen Hürden.
00:02:41: Der Hörer Erich Rau hat uns in einer Mail eindrücklich geschildert wie er die Katastrophe und die folgenden Monate erlebt hat.
00:02:53: Der neueste Atomaretrentin zu SMR-Reaktoren ist für ihn jedoch vielversprechend.
00:02:58: So wie die Technik beschrieben werde, könne es dort nie zu einer Kernschmelze kommen – im Krisenfall würden sie sich selbst abschalten!
00:03:06: Ihren größten Vorteil sieht er darin dass Sie dort gebaut werden können wo der erzeugte Strom gebraucht wird was ein enormer Kostenvorteil sei.
00:03:14: Auf die Small Modular Reactors ist ja Christian Hübner in der letzten Folge auch eingegangen und wir haben deshalb nochmal bei ihm nachgefragt, ob die SMR eine realistische Chance sind Atomenergie sicherer und günstiger zu machen.
00:03:26: Die Hoffnung kleine modulare Reaktoren sein per Konstruktion sicherer ist nicht aus der Luft gegriffen.
00:03:32: viele Konzepte wobei ihr Einschränken sagen werden muss es gibt bisher nur wenige wirkliche Pilotanlagen setzen auf passive Sicherheitssysteme also Mechanismen die auch ohne aktives Eingreifen funktionieren.
00:03:43: Ein geringeres radioaktives Inventarprojektor reduziert sicherlich potenzielle Schadenpotenzial.
00:03:49: Im Einzelfall allerdings sind kleine Modularreaktoren nicht gegen kriegerische Angriffe, Sabotage und Cyber-Angriffe geschützt.
00:03:56: Und genau dazu hat auch die Linde Eder Leefeld eine Frage gestellt wie denn bei den kleinen neuen Reaktoren die Sicherheit vor Anschlägen gewährleistet werden soll?
00:04:05: Wenn sie statt vierhundert Großreaktionen weltweit mehrere Tausend kleine Modularreaktoren betreiben wollten, vervielfacht sich die Zahl der zu schützenden Anlagen.
00:04:14: Jeder einzelne Standort müsste genauso bewacht werden wie heute ein großer Meiler.
00:04:18: Das ist ein Problem mit dem man sich auseinandersetzen muss und das sicherlich dann auch in der entstehenden Branche bisher noch nicht zufriedenstellend beantwortet
00:04:26: ist.".
00:04:27: Und Christian Hübner verweist auch auf ein anderes Problem – es gibt speziell für diese kleinen modularen Reaktoren bislang international noch keine einheitlichen Sicherheitsstandards!
00:04:37: In der EU gibt es erste Allianz, die sich unter anderem mit solchen Fragen beschäftigt.
00:04:42: Aber dennoch – wir reden hier über eine Technologie, deren erster kommerziellen Betriebnahme in Europa frühestens in zwanzig dreißiger Jahren erwartet wird und das ist hier noch die optimistische Variante.
00:04:52: Ich finde, dass zeigt ganz gut, dass Hoffnung und Skepsis bei den neuen Atomtechnologien nebeneinander stehen und auch wie viele offene Fragen es dabei immer noch gibt!
00:05:02: Ich denke, damit haben wir ein paar der technischen und energiepolitischen Fragen aufgegriffen die sie uns geschickt haben.
00:05:07: Aber wir haben ja gelernt gerade bei Atomenergie geht es immer auch um persönliche Wahrnehmungen und Ängste.
00:05:14: an diesem Punkt wechseln wir jetzt die Perspektive
00:05:17: Und kommen zu den Rückmeldung die sich auf die deutsche Atomangst oder Atomskepsis beziehen und auf die deutschen Reaktion auf Chernobyl und Fukushima.
00:05:25: Mir ist jetzt beim Hören der letzten Q&A-Folge zur Ölpreiskrise nochmal aufgefallen, wie verknüpft die Folgen zur Ölkrise und unsere Folge zu Chair Nobbel und der deutschen Atomangst.
00:05:36: Das ist natürlich gar nicht überraschend weil es in beiden Fällen um das Thema Energiesicherheit geht.
00:05:40: aber während er plumpe also euer Experte sagt bei euch eine Q& A-Fолge das hier.
00:05:46: Ich glaube, das gehört zu den zentralen Erfahrungen.
00:05:49: Dass Energiepolitik in gewisser Hinsicht jedenfalls
00:05:52: im deutschen Fall nie eine reine, in dem Sinne Sachpolitik
00:05:55: ist und immer
00:05:56: bestimmte Modenströmung
00:05:58: oder auch politische und ideologischen Vorstellungen
00:06:01: unterliegt.
00:06:01: Später sagt er dann noch es sei illusorisch zu glauben wir würden irgendwann eine Energiepolitik bekommen die rein sachlich orientiert ist.
00:06:09: Diese Aussage können ja auch wir zur Einordnung für diese Folge nehmen, denn die Frage wie sachlich oder ideologisch ist der deutsche Diskurs zum Atomstrom war auch bei den Rückmeldungen zu unserer Folge wichtig.
00:06:20: Der Hörer Markus Busmann hat angemerkt dass das Thema Kernkraft in Deutschland zu einem Kulturkampf geworden sei, bei dem die Gegner der AKW ihre Opposition maximal weltbildlich aufgeladen hätten.
00:06:32: also wenn man gegen Kernkraft ist kritisiert man den Kapitalismus verhindert die Umweltapokalypse und das vierte reicht gleich mit.
00:06:38: Dieses Lager würde schamlos die Ängste der Bürger ausnutzen und die Zukunft als eine Dystopie beschreiben.
00:06:44: Dagegen würde die Seite der Befürworter auf Nüchternheit und Rationalität in der Argumentation setzen, mit ihren Sorgen zum Beispiel dem Strompreis nicht durchdringen.
00:06:53: Ihre Motivation sei zu dem Fortschritt für die Menschen und
00:06:56: Wohlstand.".
00:06:57: Das finde ich eine interessante Beobachtung und frag mich, ob da was dran ist.
00:07:00: Also ob es der Seite der Befürworter entweder nicht gelungen ist die Ängste der Bürgerinnen zu aktivieren zum Beispiel vom wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands oder ob dieses Lager tatsächlich mehr auf Nüchternheit setzen möchte und deshalb gegenüber dem ja vielleicht auf engst setzenden Atomkritiklager das Nachsehen hat?
00:07:18: Ja aber andererseits Auch von der Seite der Atomkraftgegner kam ja der Verweis auf die Rationalität der eigenen Argumente.
00:07:25: Zum Beispiel verwährt sich die Hörerin Dietlinde Eder-Lehfeld dagegen, die Ablehnung der Atombraft nur auf Angst zu reduzieren und der Hörer Bernd Krolldreisex IV hat uns bei YouTube dafür kritisiert, dass wir so sehr auf die Ängste der Atommkraftgegener schauen.
00:07:39: Er meint ebenfalls das es doch sehr viele rationale Begründungen dafür gibt, die Kernkraft abzulehnen Zum Beispiel die umgeklärte Endlagerung und eine neue Euro-Stoffabhängigkeit, nämlich russische Brennstebe für europäische AKW.
00:07:52: Und abschließend schreibt er zu unserer Folge merkwürdig irrationaler Beitrag.
00:08:13: Aber das heißt ja nicht, dass es parallel zu diesen Ängsten nicht zugleich auch rationale Gründe gegen Atomkraft gibt oder dass diese Ängste nicht auch wohl begründete Vorsicht sein könnten.
00:08:24: Unserem Experten Frank Bies den wir in der Folge hatten war's ja auch sehr wichtig zu betonen, dass die Ängse der Menschen in der Vergangenheit nicht pauschal abzuwerten sind – aber ob die Ablehnung oder Befürworterung der Atom Kraft jetzt falsch oder richtig ist!
00:08:39: Diese Entscheidung können und wollen wir beide als Host eines Geschichts-Podcasts nicht treffen.
00:08:45: Ja, zu dem Thema wie Rational oder Irrational verläuft die deutsche Atomdiskussion passt noch eine weitere Rückmeldung, die wir erhalten haben.
00:08:52: der Hörer André Herbers verweist auf seine Studie der Universität Ilmenau aus dem Jahr zwei Tausend Vierzehn Und die habe gezeigt dass der Atomunfall von Fukushima in vielen Industrieländern ähnlich häufig in den Medien behandelt wurde.
00:09:05: das ich aber der Ton der Berichterstattung deutlich unterschieden habe.
00:09:08: Während im Ausland überwiegend sachlich über die Vorgänge in Fukushima berichtet wurde, hätten deutsche Medien oft dramatische Katastrophenszenarien auf Deutschland gezeichnet und dadurch sei der politische Druck gestiegen was letztlich zum Atomausstieg geführt habe.
00:09:23: Das passt ja zu unserer These das Deutschland speziell ist mit seiner Atomangst oder Atomskepsis.
00:09:29: Wenn das so ist, dass in Deutschland auch nach Fukushima eine dramatischere Stimmung bei uns vorherrschte als in anderen Ländern und es nicht nur nach Chernobyl so war.
00:09:37: Dann frage ich mich woher das kommt?
00:09:39: Also ist es ein Pfad den Deutschland in den Siebzigern und Achtzigern eingeschlagen hat und der dann so ausgetreten war, dass er auch in der Reaktion auf Fukushima weiter benutzt wurde.
00:09:48: Diesen Hörer, also André Herbers hat unsere Argumentation auch nicht vollends überzeugt.
00:09:52: Dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Erinnerung an das Dritte Reich und die Reaktion auf Ternobbeln.
00:09:58: Er sieht dahinter eine noch weiter zurück reichende typisch deutsche Charaktereigenschaft, die dazu führt dass die Bevölkerung keine pragmatische Entscheidung trifft sondern ideologisch ultimative Einhang zum alles oder nichts.
00:10:12: Und in eine ähnliche Richtung argumentierte Hörer Reinhard Kräler.
00:10:16: Er fragt sich, ob es nicht tatsächlich eine solche nationale Eigenschaft der German Angst gibt – also der typisch deutschen Angst?
00:10:24: Also wenn das so wäre dass diese Angst noch weiter zurückgeht und nicht erst als Folge des Nationalsozialismus zu verstehen ist dann frage ich mich was die beiden Hörers Ursache ansehen.
00:10:34: sind das andere historische Ereignisse und wenn ja welche?
00:10:38: aber Herr Krälar fragts sich ob dieser deutsche Angst nicht vielleicht geografische Ursachen hat.
00:10:42: Aber da muss ich sagen, das überzeugt mich nicht.
00:10:44: Was soll das sein?
00:10:46: Das ist bei uns mehr regnet als in Frankreich aber es trifft doch auf Polen und Skandinavien auch
00:10:50: zu.".
00:10:51: Ja also ob man das jetzt als nationale Eigenart bezeichnen möchte oder nicht mit geografischen Erklärungen allein kommt man hier nicht weit.
00:10:59: ein Blick auf andere Länder mit ähnlichen Klima- oder vergleichbaren Voraussetzungen zeigt schnell dass ja solche einfachen Erklärung zu kurz greifen.
00:11:07: Plausibler ist es vielleicht doch, die deutscher Atomdebatte als Ergebnis längere historische Erfahrungen und Entwicklungen zu verstehen.
00:11:14: Aber ist ja klar, dass wir im Geschichtspodcast das so sehen!
00:11:18: Also – Die Atom-Debatte in Deutschland ist nie nur eine technische Frage gewesen.
00:11:22: Sie ist geprägt von historischen Erfahrungen oder sehr realen Sorgen?
00:11:26: Ja, die vielen Rückmeldung zeigen die Auseinandersetzung um die Atomkraft wirkt bis heute nach und das Thema wird uns auch noch weiter begleiten.
00:11:33: An dieser Stelle ein herzlicher Dank an Christian Hübner für seine Erläutung und Erklärungen.
00:11:38: Danke auch an Sie, liebe Hörerinnen und Hörern, für Ihre Fragen und Kommentare!
00:11:43: Falls Sie weitere Fragen oder Anregungen haben, schreiben sie uns gerne an podcast.frz.de Oder schicken Sie uns eine Sprachnachricht an unser Podcast-Handy.
00:11:52: Wir verabschieden uns hiermit bis zum nächsten Mal.
00:11:54: Mein Name ist Angelika Fei
00:11:56: Und ich bin Christine Brunzel.
00:11:58: Vielen Dank fürs zuhören.
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